Mariä Verkündigung
Erzählung
Gott sandte den Engel Gabriel nach Nazareth zu Maria, die mit Joseph verlobt war. Der Engel begrüßte sie mit den Worten „Ave Maria“ und kündigte ihr an, dass sie – vom Heiligen Geist empfangen – einen Sohn gebären werde. Als Maria verwundert nachfragte, wie dies möglich sei, entgegnete der Engel: „Für Gott ist nichts unmöglich.“ Daraufhin erklärte Maria: „Ich bin die Magd des Herrn. Es geschehe, wie du gesagt hast.“
Nach einer Überlieferung war Maria zu diesem Zeitpunkt damit beschäftigt, Fäden für einen Vorhang im Tempel zu spinnen – eine Aufgabe, die ihr durch das Los unter den Jungfrauen Israels zugeteilt worden war. Andere Berichte erzählen, dass sie gerade über die Prophezeiung des Propheten Jesaja nachsann, die die Geburt eines Sohnes von einer Jungfrau vorhersagt.
Bildtradition
Einer Predigt des Fra Roberto Caracciolo zufolge sind fünf Konditionen der Jungfrau Maria während des Gesprächs mit dem Engel zu unterscheiden:[1]
- Conturbatio (Aufregung): Maria zeigt sich in ihrer Demut überrascht von der Ankunft des Engels und – vielmehr noch von – dessen wunderbarer Verkündigung.
- Cogitatio (Überlegung): Maria denkt über die Botschaft des Engels nach und fragt sich: „Welch ein Gruß ist das?“ (Lk 1,29).
- Interrogatio (Nachfragen): „Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß?“ (Lk 1,34), erwidert Maria auf die Verkündigung des Engels, wodurch sie die Tugend der Jungfräulichkeit über die ehrenvolle Belohnung dieses Verdienstes durch eine Kindesgeburt stellt.
- Humiliatio (Unterwerfung): Mit gesenktem Haupt und die Arme zum Kreuz verschränkt akzeptiert Maria die Auswahl Gottes: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.“ (Lk 1,38).
- Meritatio (Verdienst): Nachdem der Engel von ihr geschieden ist, trägt Maria unmittelbar den Leib Christi in sich.
Fra Roberto lieferte mit dieser Auslegung des biblischen Textes eine wichtige inhaltliche Grundlage für die künstlerische Interpretation des Themas. Insbesondere die ersten vier Konditionen sind daher auch in den zahlreichen Verkündigungsszenen des Quattrocento abzugrenzen. Wegen der vielen Möglichkeiten einer virtuosen Ausgestaltung avancierte der Moment der Conturbatio bei vielen Malern zu einem besonders reizvollen Motiv. Der Augenblick der Meritatio wurde dagegen deutlich seltener aufgegriffen. Eine erwähnenswerte Ausnahme ist Antonello da Messinas Annunziata di Palermo (um 1475).[2]